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13.09.2016

„Das größte Leiden von Menschen mit Demenz ist die Vereinsamung“;


„Dachstube“: Einfühlsames Theaterstück über einen alzheimerkranken Dirigenten

Foto Theaterstück «Dachstube»

„Stell dir vor, der Bagger fängt hier vorne im Gehirn an, alles abzureißen, dann kann ich nicht mehr planen, vorausschauen und koordinieren. Es ist ein Leben im Hier und Jetzt.“ Eindringlich zeigte der Schauspieler Thomas Borggrefe in seinem Ein-Personen-Stück „Dachstube“ die Persönlichkeitsveränderungen eines alzheimerkranken Dirigenten. Momente der Klarheit stehen unverbunden neben vollkommener Desorientierung in Zeit und Raum. Und doch gibt es Momente und Phasen des Glücks – eine der wichtigsten Botschaften des Theaterstücks.

Der Dirigent lebt in seiner Welt der Konzerte, der Partituren und Musen. Er dirigiert und doziert, er reflektiert, doch immer öfter sucht er nach vergessenen Wörtern und verlorenen Dingen und spinnt Verschwörungstheorien: „Du lügst. Man hat mich bestohlen.“ Zur Konfrontation kommt es, als der Sohn die Schuhe des Dirigenten im Kühlschrank und die vermisste Uhr im Papierkorb findet. Erst zum Schluss versteht der Sohn, dass er sich für kurze Phasen in die Welt des Vaters begeben muss, um ihm und sich Momente der Ruhe und Innigkeit zu gönnen: Eine Umarmung, sanftes Sprechen, die fahrig suchenden Hände halten.

Das DemenzNetz Sendenhorst Albersloh hatte zu der Aufführung Anfang September 2016 ins Spithöver-Forum des St. Josef-Stifts eingeladen. Über 100 Interessierte kamen! Ein Thema, das offenbar unter den Nägeln brennt, denn was auf der Bühne dargestellt wurde, kennen viele. Und doch sind die Berührungsängste zu Menschen mit Demenz (noch) groß. Demenz ist nach wie vor ein Tabuthema. Unwissenheit und Ängste blockieren den unvoreingenommenen Umgang mit betroffenen Menschen; das war eine Quintessenz des anschließenden Gesprächs mit dem Schauspieler.

Foto Publikumsgespräch mit dem Schauspieler Thomas Borggrefe

„Ich verstehe mein Stück als Gefühlsaufklärung, weil es wichtig ist für das Image der Krankheit: Alzheimer ist eine schreckliche Krankheit, aber es gibt auch Glücksmomente, die über alle Sinne wahrgenommen werden“, so Borggrefe, der neben der Schauspielerei auch in einem Altenpflegeheim in den Niederlanden arbeitet. „Das größte Leiden der Betroffenen ist die Vereinsamung, wenn Angehörige und Freunde nicht mehr kommen, weil sie bei dem Menschen mit Demenz keine Reaktion mehr sehen. Das Drama der Krankheit ist, dass man sich nicht mehr ausdrücken kann. Wenn Sprache wegfällt, kann aber eine sehr tiefe, intensive Kommunikationsebene entstehen, zum Beispiel über liebevolle Berührungen, die die Angst vor der Krankheit nehmen.“

Die positive Resonanz auf das Theaterstück sah Angelika Reimers, zentrale Ansprechpartnerin des DemenzNetzes, als ermutigendes Zeichen: „Unser Ziel ist ein demenzfreundliches Sendenhorst und Albersloh.“ Sie formulierte die Vision, dass das Thema Demenz enttabuisiert werde und ein normaler, unvoreingenommener Umgang mit betroffenen Menschen möglich ist. „Der Mut zur Begegnung mit Menschen mit Demenz kann für alle sehr bereichernd sein.“

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